2. Der praktische Prozess

2.1. Nach welchen Kriterien werden Kunstwerke und Musikstücke
ausgesucht?

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Das gesamte Programm teilt sich in verschiedene, in sich geschlossene, Themen. Zu jedem Thema gehören
– ein Kunstwerk oder Bild und
– ein dazu ausgesuchtes Musikstück –
beziehungsweise umgekehrt.(4)

2.2. Warum Klassik?

Grundsätzlich haben wir uns im ersten „Durchlauf“ für klassische Musikstücke entschieden. Nicht, dass andere Musikrichtungen nicht geeignet wären.

  • Aber die Klassik ist ursprünglich, folgt klaren Regeln. Sie wird (meistens) auf akustischen Instrumenten ohne technische Verstärkung gespielt. Die Instrumente sind nicht nur akustisch erfahrbar, sie sind auch gut sichtbar, ertastbar, die Kinderkönnen den Instrumenten selbst Töne entlocken, und damit ist die Musik begreifbar.
  • Dabei wird das gesamte Spektrum aller Musikrichtungen über die Klassik erfahrbar. Sämtliche bekannten modernen Musikrichtungen sind aus der Klassik entstanden, auch darum wollen wir zu „den Wurzeln“ zurück.
  • Ein bisschen ist es auch Trotz gegen eine Gesellschaft, die Musik zunehmend als Konsumprodukt und unter penetranter Beschallung betrachtet. Heute ist es fast schwerer Räume der Ruhe zu finden, in denen nicht irgendein technischer Apparat dudelt. Auf jeden Fall sind schöne Erfahrungen mit klassischer Musik ein solider Sockel für eine spätere filigrane Musikerfahrung.
  • Der Zugang zu Musik wird bereits in der frühen Kindheit gelegt. Lernt ein Kind in dieser Zeit anspruchsvolle Musik kennen, so potenzieren sich für diesen Menschen die Chancen und Möglichkeiten einer lebenslangen Freude an den Unendlichkeiten der musikalischen Welt. Wer erlebt, mit welcher Begeisterung die Kinder die klassischen Stücke aufnehmen, wird sich sehr schnell bewusst, wie oberflächlich und farblos viele sogenannte „Kindermusik“, insbesondere, wenn es sich um gefällige Aufführungen von bekannten Kinderliedern handelt, die den Gehörgang eher malträtieren, als einen wirklichen Genuss versprechen.

 

 

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Im Umkehrschluss zeigt die Praxis, dass Kinder, die ausschließlich mit Unterhaltungsmusik aufwachsen, später große Hürden überwinden müssen, um überhaupt Zugang zu anspruchsvoller Musik zu bekommen.

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2.3. Bildende Kunst

Ob ein Bild gegenständlich oder abstrakt ist, beeinflusst nicht das Interesse von Kleinkindern. Sie sind zunächst grundsätzlich allen Dingen gegenüber offen. Gerade diese Offenheit macht ein heranführen an Kultur – also vom Menschen geschaffene Objekte – spannend und wichtig. Je früher ein Kind Kunst erlebt, umso vielschichtiger wird diese Erfahrungswelt im Gehirn abgespeichert. Ein Kind erlebt einen Eindruck. Es sieht ein Bild so spontan, wie es die gesamte Umwelt erfährt. Vergleicht man die erste Bilderfahrung mit einem Raum, so ist jener erste Eindruck der Zugang, die Tür. Weitere Erfahrungen mit dem gleichen Bild füllen den Raum mit immer neuer Gestaltung, dabei wird das Kind mit Raum und Inhalt zunehmend vertraut. Kunst zu erleben ist eben ein dynamischer Prozess.
Ein gutes Bild wirft immer neue Fragen auf, gibt stets neue Antworten und lässt immer neue Entdeckungen zu. Mit einem Kunstwerk wird man manchmal niemals fertig, weil es immer neu herausfordert. Bei der Entdeckung von Kunst – sowie von Musik – ist es wie mit einem guten Freund: Man kann ihn nie zu früh kennengelernt haben.

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2.4. Die Kombination von Kunst und Musik

Dass Musik die Empfindung von Farben beeinflusst, hat einen gewaltigen Einfluss auf die uns umgebende Umwelt[1]. Musik „färbt“ den Alltag in allen akustischen Medien. Ob Werbung oder Spielfilm – ohne Musik wäre jede Darbietung farblos. Darum wurden erste Stummfilme mit musikalischer Begleitung aufgeführt; darum gibt es keinen professionellen Film ohne Musikuntermalung. Filmmusik „färbt“ eine Szene, die ohne eine musikalische Untermalung sehr fad und leblos ist. Musik gibt einer visuellen Darstellung einen lebendigen Raum und eine Tiefe. Musik bestimmt selbst im oft nicht mehr wahrgenommenen Hintergrund das tiefe emotionale Empfinden, sie lenkt maßgeblich Gefühle. Genau darum nutzen Fotoamateure die neue Technik, die eine Tonspur unter die digitalen Aufnahmen erlaubt. Und genau deshalb kombiniere ich Kunst und Klassik und nutze so die Erkenntnisse der Synästhesie.

[1]              Olivier Messiaen bezeichnete sich selbst als Synästhetiker, der sowohl bei Klängen Farben sieht, als auch bei Farben Klänge hörte.

Die Synästhesie (von altgriechisch συναισϑάνομαι synaisthanomai „mitempfinden“ oder „zugleich wahrnehmen“) bezeichnet hauptsächlich die Kopplung zweier oder mehr physisch getrennter Bereiche der Wahrnehmung. Aus: wikipedia.

Auf jeden Fall entsteht bei der Betrachtung eines Bilds unter Einfluss eines ausgesuchten und passenden Musikstücks ein größerer Zusammenhang – sowohl auf Seiten des Bildverständnisses als auch auf der Seite der Musikinterpretation. Die enge Partnerschaft wird deutlich, wenn eine Umkehrung möglich ist. Das ist nicht ganz einfach. Während ein Maler ganz leicht mittels Tonträger unter Musikeinfluss arbeiten kann, wäre es schon zielgerichtet, würde ein Komponist mit einem bestimmten Gemälde vor Augen komponieren (wobei er immer unter dem Einfluss eines bestimmten „Bilds“ steht). Der finnische Künstler und Komponist Lauri Gröhn beschäftigt sich lange mit diesem Phänomen und nutzt die neuen Möglichkeiten von Technik. Er lässt einen Computer ein Bild in eine musikalische Komposition umwandeln. Dieser Versuch verdeutlicht die enge und gleichberechtigte Partnerschaft, die sich wechselseitig beeinflusst auf beeindruckende Weise.

Auch Oper, Operette, Musical und später der Musikfilm bedienen sich der wechselseitigen Wirkung von darstellerischer Szene und musikalischer Komposition.

Die Kombination zwischen Bild und Ton veranschaulicht die Themen auf beiden Seiten und erweitert das gefühlte Erleben und die Tiefen der Wahrnehmung.

 

 

 

[image_frame style=“framed_shadow“ title=“Tanz der Zuckerfee von Tschaikowsky als Ballettaufführung per youtube“]https://www.qualifizierte-kindertagespflege.de/wp-content/Video-4-klein.jpg[/image_frame]

2.5. Regionaler Bezug

Sowohl das Kunstwerk/Bild als auch das Musikstück sollten bestenfalls regionalen Bezug haben. So kann ein Bild zu einem bestimmten Ort oder einem regionalen Maler führen. Der Ort kann eine wiedererkennbare Gegend aus einer realistischen Darstellung sein, aber auch

  • ein Veranstaltungsort, wie beispielsweise ein Zirkus, ein Wochenmarkt, ein Produktionsort oder eine Landschaft.
  • Zum Abschluss eines Themas werden die Kinder diesen Ort besuchen und mit eigenen Augen wiedererkennen.
  • Sollte es sich um ein Ausstellungsexponat handeln, ist auch ein kurzer Museumsbesuch geplant, der direkt zu dem Kunstwerk führt. Das Erlebnis, dass die Kinder „ihr Bild“ aus der Tagespflege in einem sphärischen Raum (wie einem Museum) zu finden, ist hierbei das Ziel. Also auch hier, keine ausschweifenden Erlebnisse, sondern ein lange vorbereiteter und themengebundener Museumsbesuch von maximal einer halben Stunde.

2.6. Zusammenarbeit mit öffentlichen Galerien und Museen

[image_frame style=“framed_shadow“]https://www.qualifizierte-kindertagespflege.de/wp-content/Museum-Nackter-2-klein2.jpg[/image_frame]

Um sowohl die Bildauswahl als auch eine gute Umsetzung des Projekts zu sichern, ist eine enge Kooperation mit einer Galerie/einem Museum von wertvollem Vorteil. Die volkstümliche Meinung, die einem Museumsbesuch mit Kleinkindern skeptisch gegenüber steht, wird durch die Idee der Kunst/Klassik-Kombination (Kleinkind/Kunst/Klassik – KKK) ad absurdum geführt. Die Städtische Galerie Dresden steht der Projektidee offen gegenüber. Erste Themen werden hier zur Zeit gemeinsam verwirklicht. Auch für die musikalische Umsetzung kann auch mithilfe des Carl-Maria-von-Weber-Museums, Dresden eine interessante Erweiterung des Erlebnisbereichs geplant werden.

2.7. Erlebbarkeit der Entstehung von Kunstwerken und Musik

Wie bei der Musik ist die Erlebbarkeit von Kunst wichtig. Kleinkinder be-greifen. Sie wollen selbst aktiv werden. Sie müssen fühlen und schmecken. In der Kunst ist das fast unmöglich, wenn man an einen Museumsbesuch denkt. Hier darf weder angefasst, geschweige denn „probiert“ werden. Hier wird „mit den Augen und nicht mit den Händen geguckt“. Aber im Vorfeld sind viele methodisch-praktische Möglichkeiten umsetzbar.

  • Wir suchen Kirschharz, weichen es in Wasser auf und mischen es mit einem Pigment aus Backstein (z.B.). Wir mischen Quark und Pigment. Die Anrührung der Farbe gehört zum Teil der Erfahrung, ist aber nicht zwingend notwendig.
  • Wir malen großflächig und erkennen dabei die Bewegung im kreativen Malprozess. Wir lernen den Auftrag mit verschiedenen Werkzeugen. (Im Hintergrund spielt die ausgesuchte Musik.)
  • Die Tagespflegeperson malt selbst und führt den kreativen Schaffensprozess vor. Dabei werden einzelne Schritte laut kommentiert.

Sollte es sich um zeitgenössische Kunst handeln und der Künstler noch leben, ist ein Besuch im Atelier denkbar. Auch diese Aktion würde einen Abschluss eines Themas bilden.

Musikalische Darbietungen, z.B. im Carl-Maria-von-Weber-Museum oder in der Semper-Oper, könnte, gemeinsam mit den Eltern, einen Kindertagespflege übergreifenden Rahmen in der Elternarbeit darstellen.

Allem voraus gesetzt ist die langsame und systematische Vorbereitung auf das ausgewählte Kunstwerk sowie das klassische Musikstück.

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