3. Gelebte Praxis

Im Rhythmus leben

Rhythmus gibt Halt und schafft Raum für Entwicklung und Gestaltung. Rhythmus bildet Polaritäten – zeigt vor allem einen Anfang und ein Ende. Jedes Element – Musik, Sprache, jedwede Tätigkeit hat Rhythmus und innewohnenden Klang. Um in diese Elemente zu gelangen, braucht zunächst der Tag einen klaren Rhythmus.

Frühstück bis 9.00 Uhr

Töpfchenzeit (ich frage und übe keinen Druck aus: wer möchte oder muss)

Freispiel bis 10.00 Uhr

Töpfchenzeit

„Programm“ bis 11.00 Uhr

Töpfchenzeit und großes Händewaschen

Mittagessen bis 12.00 Uhr. Nach einem Tischspruch (nicht religiös gebunden) fangen wir die Mahlzeit geschlossen an.

Töpfchenzeit und gemeinsames Zähneputztraining

Ruhe bis 15.00 Uhr (Schlafen oder ruhiges Tun)

Töpfchenzeit

Vesper ab 15.00 Uhr – zunächst gemeinsames Essen, dann Freispiel und lockeres Kreativangebot (ich werke meist und die Kinder können spielen, gucken oder mit machen).

Abholzeit mit Parallelspiel für die verbleibenden Kinder

 

Rhythmus entdecken – Singen und tanzen.

„Poetry-Slam“ während der Vesper. Sprech-Spielchen zu allen Handlungen – rhythmische Sprache machen Spaß und bringen „Musik“ ins Wort. Sprüche und Jahreszeitenlieder werden täglich geübt und sobald es geht, auch selbst erfunden.

Beispiellieder

Frühling: Blüht ein Blümlein. Winter adé. Schneeflöckchen, Weißröckchen, ABC, die Katze lief im Schnee. Kuckuck / Kuckuck und Esel. Alle Vögel sind schon da. Winter ade. …

Sommer: Wir schaukeln auf dem Wasser. Tra-Ri-Ra, der Sommer ist da. Geh aus mein Herz und suche Freud. Die Blume im Garten, wen kann sie erwarten: Das Käferkind…usw. …

Herbst: Hejo, spann den Wagen an. Es führt über den Main. Ein Männlein steht im Walde. Bunt sind schon die Wälder …

Winter: Schneeflöckchen, Weißröckchen. ABC, die Katze lief im Schnee. Jetzt werden auch Laternenlieder und Weihnachtslieder gesungen.

(Im Blog finden Eltern die Texte und manchmal auch die Noten zu den Liedern. Gewünscht ist, dass die Kinder auch zuhause mit der Familie die Lieder singen.)

Lieder werden vorgesungen, dann mitgesungen und später auch mit Rhythmusinstrumenten begleitet.

Jeder Tagespunkt hat eigene Lieder/Sprüche, die das gesamte Jahr hindurch gesungen werden: Begrüßungslied. Schlaflied. Aufwachlied, Wasserlied, Töpfchenspruch und der fürs Händewaschen….

(Lieder und Sprüche finden sich im blog: www.qualifizierte-kindertagespflege.de)

 

Die Ausdruckskraft der Musik ist für die somatische Entwicklung hoch anregend, und vor allem wird die Körperkoordination weitmöglich entspannt und „nebensächlich“ erlebt. Über den Körper den Geist zu wecken um in Seele zu gelangen – das ist gemeint. Später wird das Kind in die Lage kommen, Gestaltungsinhalte in die eigene Bewegung zu setzen. Im Kleinkindalter baut sich „Gestalt“ erst auf. Und dass soll Freude machen – im Rhythmus und in Melodie gelingt dies sehr gut.

Durch selbsttätiges musizieren (Perkussion/Trommel) erfährt das kleine Kind eine zusätzliche Ausdruckskraft und deren Möglichkeiten, z.B. laut und leise; hoch und tief, gemeinsam und alleine.

 

Frei-Geist

Fantasie frei lassen

Dialogisches lesen am Frühstückstisch ist an Bilder im Buch gebunden, regt Kinder an, dem eigenen Wortschatz entsprechend Gesehenes zu bezeichnen und vielleicht durch Erfahrungen zu ergänzen. „Gelesen“ wird immer wieder und zu allen Tageszeiten, wie es sich ergibt.

Erinnerung sind Bilder im Kopf. Mit zunehmendem Sprachvermögen erzählen Kinder gerne und kommen in freie Dialoge. „Mama/Papa arbeiten“, „Baby im Bauch“ sind Dauerthema. „Müllauto“ ein anderes….

Sprache ist nicht nur gesprochenes Wort, sondern auch Gestik und Mimik.

  • Ich lege hier besonderen Wert auf Beobachtung und Förderung.

 

Darstellerische Entwicklung: Nicht von der rhythmischen Entwicklung und der Sprachentwicklung zu trennen – und dennoch ein eigenes Kreationsfeld – ist die darstellerische Entwicklung. Im aufsteigenden Jahr beginnt diese mit dem „Karneval der Tiere“, einem klassischen Musikmärchen des französischen Komponisten Camille Saint-Saëns. Täglich hören wir ein paar Sätze des Kammerkonzerts – mal beim Frühstück, manchmal zum Freispiel und vor allem in der ruhigen Vesperzeit. Wir suchen Rhythmus, lassen ihn in den Körper gleiten und spielen in eigenen Bewegungen die dargestellten Tiere nach. Mal ruhig – mal wild – je nach Gegebenheit und Befinden.

Ob mit sanften Kopfbewegungen oder gar in wildem Hüpfen und Stampfen – jedes Kind darf sich in die Tierdarstellungen einhören und sich selbst gestalten – Freitanz ist eine wunderbare Möglichkeit, der Seele Ausdruck zu geben. Zur Unterstützung des Rollencharakters stehen den Kindern Kostümelemente und Tücher zur Verfügung. Dies ist nur ein Beispiel für die vielen Möglichkeiten des musikalisch begleiteten darstellerischen Spiels.

 

Rollen im Spiel

Angeregt durch das musikalische Szenario entdecken kleine Kinder ab dem zweiten Lebensjahr oft die Freude an der Verkleidung. Im Freispiel werden Rollenspiele selbst erfunden. Eine hochwertige Kinderküche, Puppen mit Zubehör und Bettchen, Kissen, diverse Kunststoff-Großbausteine, Kinderstühlchen und Tischchen werden mit Hilfen von Decken und Tüchern angeregt und täglich in Einsatz gebracht.

Ob Mutter-Vater-Kind, Baby oder Eisenbahn. Grundsätzlich wird sich nicht in einen fantasiereichen Sprach-Spielablauf eingeschaltet; wenn überhaupt nur auf Anfrage der Kinder oder, um eine neue Spielidee vorzustellen – denn dieses Mitspielrecht gestehe ich der Entwicklungsbegleitung zu.

Welt der „kleinen Leute“

Kinder, die das Rollenspiel lieben, entwickeln es intensiv und schnell weiter. Einige Kinder übertragen das Rollenspiel in direktes Puppenspiel. Hierzu steht ihnen ein möbliertes hölzernes Puppenhaus mit Biegepüppchen zur Verfügung. Ein Schienensystem für eine Holzeisenbahn mit Bäumen und naturgetreue Gummitiere (Schleich) bzw. eine ganze Gruppe von Landsäugetieren aus der Zeit des Mesozoikums (Erdmittelalter) – sprich Dinosaurier. Es ist erstaunlich, wie intensiv und lange sich kleine Kinder in die Aufstellung eigener „Welten“ vertiefen können.

 

Puppen und Bühne

Living Puppets

Diverse Groß-Handspiel-Puppen kommen in unterschiedlichen „Arbeitseinsatz“. Sie werden nur von mir bespielt. Für Kinder sind es nämlich keine „Puppen“ – sie leben eben Living Puppets. Geier Jo, Raupe Susi und Mr. Frosch übernehmen wichtige Aufgaben im pädagogischen Kernthema „Ei & Samen“ (Siehe später im Text). Sie verkörpern die „Hauptdarsteller“ dieses Themas.

Warum hat „Sesamstraße“ Erfolg? Personifizierte Puppen verkörpern liebenswerte Vertreter einer Spezies, die – ob Tier oder Pflanze – über kommunikative Mittel und Absichten verfügen.

Da systemisches Lernen nicht dem „be-greifen“ des Kleinkindes angemessen ist, vermitteln personifizierten Puppen einen reellen Ansprechpartner. Kinder betrachten die „Living Pupputs“ als lebendige Freunde. Sie treten mit ihnen in dialogischen Kontakt und können so in die Welt der Puppe eintreten.

In meiner Kindertagespflege leben folgende verschiedene Living Puppets: ein Mädel namens Lena, die gerne Fragen stellt, der Affe Chito, der gerne Dummheiten macht, der Geier Jo – der im Frühling Eier legt, die Raupe Susi, die die Schmetterlingskultur moderiert, Mr. Frosch, der ein Mann ist aber Frauen hat, die Eier legen und diverse Puppen, die zum Teil handgearbeitet sind..

 

Holz-Handpuppen und Fingerpuppen

Einem anderen Wesen eine Stimme zu geben, ist Kunst des Puppenspiels. Abstraktionsvermögen unterscheidet Menschen vom intelligenten Tier. Dem Beginn dieser Fähigkeit schenke ich Achtung und Be-Achtung.

Ein hölzernes Tischtheater wird in unregelmäßigen Abständen von mir selbst genutzt, um einfache 5-Minuten-Schaustücke aufzuführen. In der Regel verwende ich drei Figuren – also, eine hohe Kunst für die von mir bespielte Altersklasse.

Ich überlasse unter Aufsicht das Theater den Kindern, die sich auch andere Puppen aus dem Sortiment auswählen dürfen – allerdings nie mehr als drei Figuren. Die Beschränkung der Spielfiguren ist dem Respekt vor der Wertigkeit dieses Spielzeugs gezollt. Kinder zwischen zwei und drei Jahren haben große Freude an kurzen Darstellungen. Schnell entwickeln sie Ehrgeiz, selbst zum „Regisseur und Darsteller“ zu erwachsen.

Dieses Spiel darf aber nie außer Kontrolle geraten, da mit der abstrakten Außendarstellung eine Macht verbundene sein kann (gut / böse), die im Eifer schnell über das Ziel hinaus wächst.

Beispiel:

Ein Kind spielt das Theater:

Das Krokodil hat große Zähne. Es kann beißen. Es wird böse und beißt die Susi. Es wird noch böser und beißt jetzt auch die Zuschauer. Die Zuschauer flüchten. Das Krokodil rennt hinterher. Ein Tumult entsteht. Es fallen erste Tränen. Jetzt wird das Spiel vom Bildungsbegleiter umgelenkt: Es werden Regeln aufgestellt: Das Krokodil darf die Bühne nicht verlassen. Die „Schauspieler“ dürfen die Zuschauer nicht angreifen. Die Zuschauer lassen die Bühne stehen und sollen möglichst auf den Plätzen bleiben. Die Bildungsbegleiter lenken die Kinder dahin, eine Ordnung selbst wieder herzustellen.

Für die Tagespflege sind alle Formen von Rollen- und Puppen-Spiel wichtige Mittel, den emotionalen Zustand und den allgemeinen körperlichen und geistigen Entwicklungsstand eines Kindes aus einem ganz besonderen Fokus zu betrachten.

Ästhetische, soziale und kommunikative Bildung erfahren mit dem Rollen- und im Puppenspiel eine umfang- und weitreichende Förderung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

  • Artikelarchiv

  • Kategorien