4. Empirischer Ansatz

Schwerpunkt-Thema: Ei und Saaten.

 Qualität von Kindertagespflege misst sich auch an allen Faktoren und Bildungsgrundsätzen, die auch im Sächsischen Bildungsplan gelistet sind..

Grundsätzlich kann ich die verschiedenen Bildungsbereiche nicht trennen. Eine Struktur macht den Erlebnis- und Erfahrungsbereich planbar und nachhaltig messbar. In der Kleinkindpädagogik erscheinen „Bildungspläne“ bedrohlich und viel zu früh. Und in der Tat erleben jene kleinen Menschen oft sogar Leistungsstress, wie Untersuchungen zunehmend beweisen.

Ein Bildungsplan U3 darf hohen Anspruch haben, muss aber unbedingt hintergründig bleiben. Wie ein Rahmen einem Bild Halt und Schutz bietet und es dabei gut zur Geltung bringt, umgreift der Bildungsplan U3 den Tages-/Wochen-/Jahresablauf. Das Kind bewegt sich innerhalb dieses Rahmens frei und entdeckt die Farben und Strukturen des Lebens selbst.

Damit es nicht zu einer willkürlichen Aneinanderreihung von Bildungserfahrungen kommt, habe ich nach Empirie gesucht, die im Familienalltag den Erfahrungsbereich betont und fächerförmig entwickelt.

Beispiel:

Fall: Wir kochen in der Kindertagespflege täglich. Das Kind lernt Getreide wird Mehl. Das Kind kennt das Korn. Es kommt aus einer Tüte und die gibt es im Bioladen. Es kennt aber keine Ähre. Mit einem Kleinkind zu einem Weizenfeld zu fahren, dort die Ähre zu schneiden, die Körner zu lösen und zu trocknen, zu malen und dann das Brot zu backen wäre gut. So haben es alle Menschen vor der Industrialisierung erfahren. Der Sinnzusammenhang hat sich unmittelbar durch die Herstellung von „Mitteln zum Leben“ ergeben.

Problem: Mal abgesehen davon, dass eine Fahrt zu einem Weizenfeld mit 5 Großstadt-Kleinkindern ein ziemlicher Aufwand sein kann, bleibt die Erkenntnisgewinnung in Frage gestellt.

Lösung: Wir keimen in Keimstationen. Mit zunehmender Sonne ist das überhaupt kein Problem. Die Keimlinge entwickeln sich zu Weizengras. Und das ziehen wir so lange, bis es auch in den Garten gelangen kann. Und so ernten wir keine Massen, sondern ein paar leckere Weizenkörnchen, die dann mit gekauften Körnern gemahlen und verbacken werden. Kleine Beispiele mit großer Wirkung.

Sinneserfahrungen zur Lebenserhaltung sind immer empirisch und ganzheitlich und beinhalten alle Bildungsbereiche. Um Kleinkindern heute die Welt be-greifbar zu machen, ist eine Rückbesinnung in die Lebenswelt vor der Industrialisierung ein gutes Instrument.

Vom Weizenkorn zur Ähre zum Brot – ist Erfahrung. Um diese Erfahrung empirisch im Sinne des Bildungsanspruchs für ein Kleinkind zu gestalten, muss ich sie wiederholen und um vergleichbare Erlebnisse erweitern.

Dem Weizenkeim folgt eine Reihe von Keim-Experimenten, deren beeindruckendestes die Avocado ist. So wuchtig und groß sind Kern und Keim, dass die Kinder noch oft und lange wortstark darüber staunen.

Ei, Ei, Ei …

Neben der Pflanzenwelt kommt mit dem aufsteigenden Jahr die Tierwelt in die Reproduktion. Das Ei wird hierzulande durch die Osterzeit zum Thema. Ein „Osterhase“ bringt aber keine bunten Eier. Die Mär ist nett, aber bildungsplanmäßig eine Katastrophe. Der „moderne Osterhase“ ist völlig aus jeglichem kulturhistorischen, religiösen und traditionellen Zusammenhang herausgerissen und ein Produkt moderner Konsumgesellschaft. Was aber hat es mit dem Ei – dem Osterei – auf sich?

Die Vogelhochzeit

Aus dem Sorbischen ist die schöne Tradition der Gestaltung von Eiern überliefert. Gleichzeitig verweist der Brauch auf die Vogelwelt, die mit aufsteigender Sonne mit dem legen von Eiern beginnt. Hier ist ein Sinnzusammenhang zu erkennen. Und wer selbst in den Genuss der Hühnerhaltung gekommen ist, weiß, dass Menschen jetzt sehr froh sind, wenn das Huhn ein Frühstücksei beschert. Hühner kann ich in einer Reihenhaussiedlung leider nicht halten, aber wir haben tüchtige Amseln und Meisen, für die ich Knöterich und Kästen installiert habe. Wir beobachten, wie emsig die Tiere mit dem Nestbau beginnen.

Gleichzeitig besingen wir dieses Erlebnis und gestalten es darstellerisch. Dazu dient uns das „Kindermusical Vogelhochzeit“ des Liedermachers Rolf Zuckowski. Nachdem wir die Texte hören und mitsingen, sind wir nach dem „Karneval der Tiere“ in ein neues Erleben einer darstellerischen Aufführung angekommen.

 

Fächerung von Empirie

Das empirische Erleben der Reproduktion von Natur hat sich von den Samen auf die Vogelwelt erweitert. Was liegt näher, als die Erkenntnis auf andere Lebewesen auszuweiten?

Mamas Baby kommt aus einem Ei. Die Erklärung der Entstehung von Säugetieren ist aber zu abstrakt für ein Kleinkind. Der kleine Bruder ist und kommt aus Mamas Bauch, das akzeptieren Zweijährige. Angehende Geschwisterkinder teilen dieses zentrale Erlebnis oft und gerne den FreundInnen mit. Auch hier helfen Bücher, die dann dialogisch besprochen werden.

Eine „Living Puppet“ in meiner Kindertagespflege ist ein Geier. Frau Geyer erklärt mit Hilfe eines Marmoreis, was im Ei passiert und wir gucken im Zoo den Pelikanen beim Nestbau und der Aufzucht der Küken zu.

 

Ei, Ei, Ei … wer schlüpft da aus dem Ei?

 Alle Handlungen haben Reim und Rhythmus. Sprache braucht Bilder und Takt.

Die Schnecke im Garten, sie kann nicht mehr warten. Sie legt schnell ein Ei … nein zwei, drei – au wei – so viel Ei!

Und siehe da: wir entdecken Schneckeneier und kleine Schnirgelschnecken, vielleicht sogar mal eine Weinbergschnecke.

Wir basteln aus Filz und Schneckenhäusern kleine Schnecken als Geschenk für die Eltern.

Wir fassen die Tiere an und schaffen ein kleines Gehege, wo wir sehen, dass die Tierchen vor allem verrottetes Laub und alte Rinde futtern. Wir haben einen „Schneckenzoo“. Und wir erkunden die Nacktschnecke, die Kinder besser nicht anfassen sollten, und welche auch die Eier der Häuschenschnecken frisst. …. und Omas Salat!!!

Das Käferlein, so zart und fein, schlüpft aus dem Ei – wie kann das sein?

Wir finden Marienkäfer und andere Panzerträger, sehen, dass sie fliegen können, wenn man sie auf die Fingerspitze setzt und gucken unter die Blätter, um ihre Eier zu finden, aus denen die Raublarven dann schlüpfen, um Blattläuse zu verspeisen.

Die Bienen summen, die Hummeln brummen und legen ein Ei … was ist schon dabei.

Zwei Insektenhotels laden zum Zugucken ein. Emsig schleppen seltene Bienen und Hummeln Lehm und verkleben die Öffnungen. Aber Vorsicht: Diese Tierchen darf man nie grob anpacken. Gemeinsam mit den Eltern werden die pelzigen Honigproduzenten dialogisch besprochen. Und immer gibt es Bilder-/Bücher dazu.

Der Frosch der quakt – die Quappe nicht. Sie schwimmt im Wasser wie ein Fisch.

Der regelmäßige Ausflug zum Jugendökohaus ist Experimentierausflug. Mit Sieb und Lupe in der Ausstattung fischen wir Kaulquappen aus den Becken und beobachten dialogisch den Entwicklungsprozess – bis zum Frosch. Wenn es sich ergibt, gehen wir in die Reptilien-Ausstellung und lassen uns von den Pädagogen ein Tier vorführen – das dazu gehörige Ei ist immer dabei….

Schmetterling, du kleines Ding, such Dir eine Tänzerin…Den Höhepunkt bildet die Schmetterlingszucht. Bei einer Insektenzucht bestelle ich Eier des Kohlweißlings, die winzig an einem Kohlblatt kleben. Die Petrischale stellen wir in ein Terrarium und warten, dass die Raupen schlüpfen. Sie werden gefüttert und mit der Lupe betrachtet. An den Wochenenden nehmen Eltern die Tiere zu sich nachhause. So wird die Entwicklung ein Erlebnis für die ganzen Familien. Eine „Living Puppet“, die Raupe Susi begleitet uns und unterhält sich mit den Kindern. So kann das Erlebnis dialogisch reflektiert werden.

Nach allen Stadien der Entwicklung entlassen wir im Beisein der Familien die geschlüpften Falter innerhalb eines kleinen Elternnachmittags und Gartenfests in die Freiheit …. Und nächstes Jahr legt dieser Schmetterling dann wieder Eier ….

 

Bunt und vielseitig fächert sich der empirische Erlebnisstrauß. Mit dem abklingendem Sommer nehmen die Kinder auch Abschied vom Thema Ei. Doch jetzt sind es die kleinen Forscher, die mich auf die eierlegenden Tiere aufmerksam machen, wenn sie unter Blättern nach Eiern suchen oder eine Schnecke streicheln und ihr „viel Glück vor der Nacktschnecke“ wünschen….

Und ganz nebenbei haben wir das Runde und das Eckige als Form ergründet. Farben erlebt und Mengen erkannt – ein be-greifbares mathematisches Erlebnis in-be-griffen.

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